Mannheim liest 2022
„Beschreibung
einer Krabben­wanderung“

von Karosh Taha

„Ich glaube, Vergessen ist ein schöneres Geschenk als Erinnern.“

 

Zur Stadtlektüre des Jahres 2022 ausgewählt wurde Karosh Tahas Roman Beschreibung einer Krabbenwanderung, erschienen 2018 bei DuMont. In diesem Text erzählt die 22-jährige Sanaa Kevjala von ihrem Alltag, von ihrem Ringen, weder die eigene Familie mit ihren traumatischen Versehrungen im Stich zu lassen noch eine „Hochhausfrau“ zu werden, „zum Warten und Wachen verdamm[t]“. Leitmotiv der Erzählung und zugleich Symbol einer komplexen Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind die Erinnerungen und die Träume von jener roten Krabbe, die die Erzählerin als Kind damals im Chabur in die Wade gekniffen hatte: „Während ich von einer roten Krabbe träume, die von einer roten Krabbe träumt, die von einer roten Krabbe träumt, die von einer roten Krabbe träumt, die von mir träumt, während ich von einer roten Krabbe träume“ – so beginnt der Roman.

 

Beschreibung einer Krabbenwanderung erzählt von Adoleszenz mit Migrationserfahrung als dem Versuch, den Schmerz der Erinnerung zu bewältigen, sich aus depressiver Versteinerung, Entfremdung und zielloser Wut zu lösen und eine Zukunft zu gewinnen und bietet so vielfältige Anknüpfungspunkte an aktuelle gesellschaftliche Themen. Der Roman findet für diese Auseinandersetzung mit den psychischen und körperlichen Verletzungen in Folge von Migrationserfahrungen, mit Adoleszenz und Sexualität, mit der prägenden Kraft der Vergangenheit und der Frage nach den Möglichkeiten der Zukunft eine ganz eigene Sprache, denn für Karosh Taha gilt: „Wenn es einen Grund zum Schreiben gibt, dann um eine neue Sprache, einen neuen Ausdruck für das zu finden, was da ist oder was nicht da ist.“

 

Es ist auch diese poetische Erzählung von einer Gegenwart, in der sich die Vergangenheit eingegraben hat, die die Jury überzeugt. In diesem Jahr besteht die Jury aus Christian Holtzhauer und Alexandra Reich (Nationaltheater Mannheim), Sandra Beck und Thomas Wortmann (Universität Mannheim), Yilmaz Holtz-Erşahin (Stadtbibliothek Mannheim), Gisela Kerntke (KulturQuer QuerKultur Rhein-Neckar), Elisa Diallo (Autorin) und Nils Kubetz (Alte Feuerwache).

Karosh Taha

„Künstler:innen sind gefährlich, weil sie sich mehr vorstellen können als da ist, weil sie von einer anderen Wirklichkeit erzählen können, weil sie das, was geschaffen wurde, in Frage stellen.“ (Karosh Taha)

 

Karosh Taha, geb. 1987 in der kurdischen Stadt Zaxo/Irak, lebt und schreibt in Köln und Paris. Ihr Debütroman Beschreibung einer Krabbenwanderung erschien 2018, ihr zweiter Roman Im Bauch der Königin 2020, ebenfalls bei DuMont. Für ihre Texte erhielt sie mehrere Stipendien und Preise, darunter das Stipendium Deutscher Literaturfonds und das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, zuletzt die Alfred-Döblin-Medaille 2021. In ihren literarischen, publizistischen und essayistischen Texten setzt sich Taha mit Grundsatzfragen von Ehrlichkeit und Solidarität, Krieg und Migration, Kunst und Politik auseinander. In ihrem Beitrag Was mache ich hier? Eine Rechtfertigung in dem Sammelband Brot­jobs & Literatur blickt sie kritisch auf den Literaturbetrieb und seine Mechanismen, reflektiert aber ebenso ihre Biographie als Autorin: „Wenn ich auf meine Schreibbiographie schaue, treffe ich nur Frauen, die dafür sorgten, dass ich schreibe, angefangen bei meiner Mutter, die als Analphabetin kein Buch brauchte, um eine Geschichte zu erzählen, bis hin zu Sandra Cisneros, die mich lehrte, über alles zu schreiben, wofür ich mich schäme; von Toni Morrison und Zadie Smith lernte ich den Ernst und die Haltung, von Shida Bazyar, dass jemand wie ich im deutschen Literaturbetrieb existieren kann.“