Das Buch: Vatermal
Was soll mein Vater über mich erfahren, ob er es will oder nicht? Diese Frage stellt sich Arda, der junge Erzähler von Vatermal, als er sterbenskrank im Krankenhaus liegt. Der Vater hat schon lange ein anderes Leben begonnen, in der Türkei eine neue Familie gegründet. „Papa“ will Arda ihn darum nicht nennen, sondern mit den Vornamen Metin ansprechen. Ihn konfrontiert er nun mit den eigenen Erinnerungen: „Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.“
So wird die Wendung an den Vater zu einer Klage über dessen Abwesenheit, aber auch zur Reflexion eines Aufwachsens unter rauen Bedingungen. Nicht nur den Vater, sondern eben auch uns Leser*innen nimmt Arda an die Hand und führt uns durch seine Kindheit und Jugend. Die Auseinandersetzung mit den Eltern und der eigenen Herkunft geht dabei mit der Suche nach Zukunftsmöglichkeiten einher. Getragen von großer Hoffnung behauptet sich Arda gegenüber den lachenden Freunden: Er will „was mit Literatur machen“. Und das kann er, denn er weiß mehr als viele andere:
Wenn die Welt auch ständig davon schwafelte, dass wir keine Perspektive hatten, wussten wir: Das Gegenteil stimmte. Wir hatten zu viel Perspektive, hatten Dinge gesehen, die andere Kinder ihr Leben lang nicht sehen, während sie die Kürbissuppe ihrer Eltern löffeln.
Vatermal ist Necati Öziris erster Roman. Er stand 2023 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde 2025 am Schauspielhaus Dortmund dramatisiert. Nun ist Vatermal das Buch für unser Lesefest Mannheim liest ein Buch 2026. Seit dem vergangenen Jahr liegt Vatermal auch in türkischer Übersetzung von Gül Gurtunca vor.
Necati Öziri: Vatermal
Erstausgabe: 2023, ISBN: 978-3-546-10061-8
Taschenbuch: Januar 2025, ISBN: 978-3-548-06980-7
291 Seiten
Sprache: Deutsch
Türkische Übersetzung:
Necati Öziri: Baba Izi, Istanbul 2025.
Das Buch
Die Stadt Mannheim las 2025 Alles immer wegen damals von Paula Irmschler – ein kluger Familienroman, der mit bezaubernder Leichtigkeit von den großen Fragen unserer Zeit erzählt.
Rezension:
Quarterlife-Crisis zwischen Köln und Leipzig – Paula Irmschlers Roman Alles immer wegen damals
Paula Irmschler behandelt in ihrem zweiten Roman den isolierten und von Ängsten geprägten Alltag einer jungen Frau und ihrer Mutter, die sich in einem neuen Lebensabschnitt einfinden muss. Alles immer wegen damals erzählt von der Verzweiflung über ein Leben, das ganz anders verlaufen sollte, von der Wut, Klassenunterschieden, ost-westdeutschen Konflikten und von schwierigen Familienverhältnissen.
Karla, eine der beiden Protagonistinnen in Paula Irmschlers Roman Alles immer wegen damals, durchlebt in Köln eine Quarterlife-Crisis. Sie hat eine Fernbeziehung, die sie sich oft schönreden muss, keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, lebt in der winzigen Wohnung eines Freundes und verbringt den Tag mit putzen, aufräumen und ihren Zwangsgedanken. Zudem macht sie eine Ausbildung – irgendwas mit Medien, typisch Köln –, die ihr eigentlich egal ist. Karla badet in Selbstmitleid und nimmt sich selbst als Schwarzes Schaf der Familie wahr. Da hilft auch der Familienchat nicht weiter, im Gegenteil: „Sie sehen, dass sie mal wieder nicht antwortet, nicht mal eine Emoji-Reaktion unter die Nachricht ihrer Mutter setzt, sich nicht meldet, dass sie nicht da ist, dass sie das schlechteste Kind von allen ist.“
Hamburg-Trip mit Hindernissen
Der Rest ihrer Familie – zwei Schwestern, ein Bruder und ihre Mutter – lebt im Osten, in Leipzig, ihrer alten Heimat. Mutter Gerda versucht sich an einen neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen. Jetzt, da alle Kinder aus dem Haus sind, wohnt sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder allein. Im Familienchat wird oft über Alltagsthemen diskutiert, Diskussionen an denen Karla nicht teilnimmt, weil sie nicht die Kraft dafür hat. Ihr Leben dreht sich momentan nur darum, nicht aus der Wohnung zu fliegen, in der sie nicht offiziell gemeldet ist, und um ihre Beziehung mit Natalie, die ironischerweise in Leipzig wohnt. Um die Distanz, die sich zwischen Mutter und Tochter über die Jahre eingeschlichen hat, zu überwinden, organisieren Karlas Geschwister für die beiden zu ihrem 30. bzw. 60. Geburtstag einen Hamburg-Trip samt Musical-Besuch. Erwartungsgemäß läuft dabei einiges schief, und auch Karlas mentaler Zustand ändert sich dort nicht: „Sollte Hamburg nicht hübscher sein? Wenigstens jetzt und hier, damit sich das alles nicht so sinnlos anfühlt?“
Als Mutter und Tochter zum ersten Mal seit Jahren wieder aufeinandertreffen, ist die Stimmung zunächst durchwachsen; wenige Worte werden gewechselt, die üblichen Trigger ihrer Meinungsverschiedenheiten ausgelöst, etwa als Gerda ein Franzbrötchen ablehnt, weil es „zu süß“ sei, woraufhin Karla aus Protest „das süßeste!“ kauft. Im Verlauf des Trips wird Karla allerdings damit konfrontiert, sich ihrer Mutter zu öffnen, nachdem ihr Plan missglückt, heimlich abzuhauen. „Als sie dann oben den Schlüssel umdreht, behutsam ins Zimmer tapst, liegt da Gerda, die Glotze ist an, und sie ist noch wach. Schöne Scheiße, der ganze Plan ist hin, Karla muss bleiben, ein Abhaudrama vor den Augen ihrer Mutter, das kriegt sie nicht hin.“
Als Mutter und Tochter aber feststellen, dass keine von ihnen Lust auf „König der Löwen“ hat, beschließen sie spontan, zur Ostsee zu fahren – für ein bisschen Nostalgie und um ohne Ablenkung endlich ein längst fälliges, richtiges Gespräch zu führen. Zurück aus dem Urlaub erwartet Mutter und Tochter ein weiterer Wendepunkt: die Pandemie, die Karlas und Gerdas Leben erneut umwirft.
Zeitgemäße Themen, oberflächlich erzählt
In ihrem zweiten Roman spricht Irmschler viele wichtige, zeitgemäße Themen an. Neben dem Mutter-Tochter-Konflikt schreibt sie auch über Wohnungsnot, Erziehung, Zwangsneurosen, Cyber-Grooming, Sexualität und toxische Beziehungen, über Figuren mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen – eigentlich eine gute Basis für einen zeitgenössischen Roman. Leider bleiben die Figuren wie die verhandelten Gesellschaftsprobleme ein wenig oberflächlich. Auch der Stil will nicht ganz zum Genre Popliteratur passen, in das Irmschler ihren Roman selbst einordnet. Die Autorin scheint sich nicht einig zu sein, ob sie nun getreu dem Pop „frei Schnauze“ schreiben – „Gerda versucht zu rauchen. Es sieht ziemlich uncool aus“ –, oder doch in einem konventionelleren Roman-Ton mit gestelztem Genitiv bleiben will. „Es tut ihr nicht so sehr des Hundes wegen leid, dass sie keine Lust hat, mit ihm rauszugehen“, heißt es beispielsweise an einer Stelle. Ein lockerer, mündlicher Ton würde dem Roman deutlich besser stehen.
Auch die Statements der Figuren über gesellschaftliche und politische Themen wie die Überzahl gentrifizierte Cafés in Großstädten, Veganismus, der für Männer zu wenig Fleisch enthält, oder dass Kinderkriegen entromantisiert werden sollte, sind zwar richtig und wichtig, wirken aber wie tausendmal gehört und leider nicht so satirisch scharf, wie man es von Irmschler eigentlich gewohnt ist.
Bitte mehr Mut zum Witz
Hier und da blitzt Irmschlers Humor, den man von ihrer Arbeit für das Satiremagazin Titanic und für ZDF Magazin Royale kennt, trotzdem durch. Besonders trockene Sätze wie „Mascha ist aber 33 und war schon mal verheiratet, vieles deutet darauf hin, dass sie eine erwachsene Frau ist“, machen Spaß beim Lesen. Diese vereinzelten witzigen Stellen sind gut, nur bleibt die Autorin leider nicht bei ihren Fähigkeiten, sondern hat sich offensichtlich vorgenommen, einen anderen Ton anzuschlagen. Schade! Auch wenn die Themen von Alles immer wegen damals nicht unbedingt zum Lachen einladen, findet man sich in absurd schlimmen Alltagsmomenten oft mit Humor zurecht. Wie zum Beispiel, wenn sich Karla selbst das von ihrer Freundin Natalie komponierte Lied laut vorsingt: „falsch, falsch, falsch, ich bin falsch und schief und krumm und außerdem verkehrt herum […] Dazu tänzelt sie albern, als wäre sie zu Selbstironie noch in der Lage.“ Mehr davon hätte dem Roman zwischen den Zwangsgedanken von Karla und den teilweise austauschbaren Gedankengängen beim Einkaufen von Gerda gutgetan.
Durch die abwechselnd aus der Sicht von Gerda und Karla geschilderten Kapitel ergibt sich dennoch ein schönes Mosaik aus den zwei Generationen des Mutter-Tochter-Konfliktes. Insgesamt ist der Roman ein flott lesbarer Spiegel der heutigen Zeit. Neben diesen Themen erwarten einen eine ganze Reihe ostdeutscher Begriffe wie „abkindern“ und „Knast haben“ sowie der kuriose Brauch der „Vogelhochzeit“, die man im Westen kaum kennt, und die den eigenen Wortschatz sehr bereichern. Allein für die oft übersehene Kultur des Ostens lohnt es sich, Alles immer wegen damals zu lesen und der verschrobenen Familie doch eine Chance zu geben.
von Luis Sommer