Mannheim liest 2025
Alles immer wegen damals
von Paula Irmschler
„Familie heißt lügen bis tief in die Nacht.“
Der Roman beginnt mit der Erinnerung an Leo, den einstigen Familienhund: „Mitm Hund raus. Das sind fast immer noch die ersten Worte, die Karla beim Aufwachen denkt.“ In dieser kleinen Anekdote um einen zufällig zur Familie gestoßenen und gebliebenen Hund verdichtet Alles immer wegen damals die zentralen Themen einer so komischen wie zärtlichen Mutter-Tochter-Erzählung: Im stetigen Wechsel zwischen dem Alltag der nach Köln gezogenen Karla und ihrer in Leipzig lebenden Mutter Gerda erzählt Paula Irmschlers Alles immer wegen damals eine so zärtliche wie komische Mutter-Tochter-Geschichte, umgeben von geschwisterlichen Rivalitäten und Gelegenheitsflunkereien, alten Konflikten und neuen Debatten – Lebensfragen und Lebensweisheiten:
„Kuscheln ist wie Hinsetzen, wenn man im Stehen arbeiten muss, man kann dann nicht mehr aufstehen, die Füße schmerzen umso mehr.“
Mit ihrem ganz eigenen Sound bewegen sich Mutter und Tochter zwischen Trennung und Fernbeziehung, Sehnsucht und Erwartung. Und sie verteidigen sich mit diesem gegen gesellschaftliche Zumutungen und Normvorstellungen: „Für sich etwas tun heißt bei Frauen, dass sie etwas für die sogenannte Schönheit machen, also etwas gegen ihren Körper und für die angebliche Entspannung, die aber auch der Schönheit zugutekommen soll.“ Paula Irmschlers Roman ist ein Text über Tochterschaft und Mutterschaft: die Sehnsucht nach mehr Nähe und das Wissen um ein zu viel – und die Einsamkeit im familiären Trubel: „Wenn man es genau nimmt, hat sie schon früher mit sich selbst geredet, aber es war zumindest immer jemand anders im Raum, was gesellschaftlich anerkannter ist“.
Eröffnet werden unterschiedliche Blickpunkte auf feministische Lebensvorstellungen, gerade im Konflikt zwischen den Generationen. Mit Karla und Gerda erzählt Paula Irmschler nicht nur eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung, sondern auch eine Ost-West-Geschichte. Denn Karla „ist ein unzugänglicher Millennial, obendrauf ist sie noch, wie sie ist, und dann steckt da leider auch immer ein unaufgeschlossener Ossi in ihr“, ihre Mutter hingegen hat erlebt, wie ihre Lebensgeschichte in eine Systembiografie verwandelt wurde: „Das Leben von damals befindet sich nun in Museen und Dokus, aber nirgendwo findet Gerda ihres. Vieles war eigentlich so unspektakulär, denkt sie.“ Das vorangestellte Motto liefert den Soundtrack für beide Frauen – und alle Leser*innen dieses Romans:
She needs wide open spaces
Room to make her big mistakes
The Chicks
Paula Irmschler:
Alles immer wegen damals
Erstausgabe: Mai 2024, ISBN: 978-3423283342
Taschenbuch: August 2025, ISBN: 978-3423149532
320 Seiten
Sprache: Deutsch
Das Buch
Die Stadt Mannheim las 2025 Alles immer wegen damals von Paula Irmschler – ein kluger Familienroman, der mit bezaubernder Leichtigkeit von den großen Fragen unserer Zeit erzählt.
Rezension:
Quarterlife-Crisis zwischen Köln und Leipzig – Paula Irmschlers Roman Alles immer wegen damals
Paula Irmschler behandelt in ihrem zweiten Roman den isolierten und von Ängsten geprägten Alltag einer jungen Frau und ihrer Mutter, die sich in einem neuen Lebensabschnitt einfinden muss. Alles immer wegen damals erzählt von der Verzweiflung über ein Leben, das ganz anders verlaufen sollte, von der Wut, Klassenunterschieden, ost-westdeutschen Konflikten und von schwierigen Familienverhältnissen.
Karla, eine der beiden Protagonistinnen in Paula Irmschlers Roman Alles immer wegen damals, durchlebt in Köln eine Quarterlife-Crisis. Sie hat eine Fernbeziehung, die sie sich oft schönreden muss, keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, lebt in der winzigen Wohnung eines Freundes und verbringt den Tag mit putzen, aufräumen und ihren Zwangsgedanken. Zudem macht sie eine Ausbildung – irgendwas mit Medien, typisch Köln –, die ihr eigentlich egal ist. Karla badet in Selbstmitleid und nimmt sich selbst als Schwarzes Schaf der Familie wahr. Da hilft auch der Familienchat nicht weiter, im Gegenteil: „Sie sehen, dass sie mal wieder nicht antwortet, nicht mal eine Emoji-Reaktion unter die Nachricht ihrer Mutter setzt, sich nicht meldet, dass sie nicht da ist, dass sie das schlechteste Kind von allen ist.“
Hamburg-Trip mit Hindernissen
Der Rest ihrer Familie – zwei Schwestern, ein Bruder und ihre Mutter – lebt im Osten, in Leipzig, ihrer alten Heimat. Mutter Gerda versucht sich an einen neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen. Jetzt, da alle Kinder aus dem Haus sind, wohnt sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder allein. Im Familienchat wird oft über Alltagsthemen diskutiert, Diskussionen an denen Karla nicht teilnimmt, weil sie nicht die Kraft dafür hat. Ihr Leben dreht sich momentan nur darum, nicht aus der Wohnung zu fliegen, in der sie nicht offiziell gemeldet ist, und um ihre Beziehung mit Natalie, die ironischerweise in Leipzig wohnt. Um die Distanz, die sich zwischen Mutter und Tochter über die Jahre eingeschlichen hat, zu überwinden, organisieren Karlas Geschwister für die beiden zu ihrem 30. bzw. 60. Geburtstag einen Hamburg-Trip samt Musical-Besuch. Erwartungsgemäß läuft dabei einiges schief, und auch Karlas mentaler Zustand ändert sich dort nicht: „Sollte Hamburg nicht hübscher sein? Wenigstens jetzt und hier, damit sich das alles nicht so sinnlos anfühlt?“
Als Mutter und Tochter zum ersten Mal seit Jahren wieder aufeinandertreffen, ist die Stimmung zunächst durchwachsen; wenige Worte werden gewechselt, die üblichen Trigger ihrer Meinungsverschiedenheiten ausgelöst, etwa als Gerda ein Franzbrötchen ablehnt, weil es „zu süß“ sei, woraufhin Karla aus Protest „das süßeste!“ kauft. Im Verlauf des Trips wird Karla allerdings damit konfrontiert, sich ihrer Mutter zu öffnen, nachdem ihr Plan missglückt, heimlich abzuhauen. „Als sie dann oben den Schlüssel umdreht, behutsam ins Zimmer tapst, liegt da Gerda, die Glotze ist an, und sie ist noch wach. Schöne Scheiße, der ganze Plan ist hin, Karla muss bleiben, ein Abhaudrama vor den Augen ihrer Mutter, das kriegt sie nicht hin.“
Als Mutter und Tochter aber feststellen, dass keine von ihnen Lust auf „König der Löwen“ hat, beschließen sie spontan, zur Ostsee zu fahren – für ein bisschen Nostalgie und um ohne Ablenkung endlich ein längst fälliges, richtiges Gespräch zu führen. Zurück aus dem Urlaub erwartet Mutter und Tochter ein weiterer Wendepunkt: die Pandemie, die Karlas und Gerdas Leben erneut umwirft.
Zeitgemäße Themen, oberflächlich erzählt
In ihrem zweiten Roman spricht Irmschler viele wichtige, zeitgemäße Themen an. Neben dem Mutter-Tochter-Konflikt schreibt sie auch über Wohnungsnot, Erziehung, Zwangsneurosen, Cyber-Grooming, Sexualität und toxische Beziehungen, über Figuren mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen – eigentlich eine gute Basis für einen zeitgenössischen Roman. Leider bleiben die Figuren wie die verhandelten Gesellschaftsprobleme ein wenig oberflächlich. Auch der Stil will nicht ganz zum Genre Popliteratur passen, in das Irmschler ihren Roman selbst einordnet. Die Autorin scheint sich nicht einig zu sein, ob sie nun getreu dem Pop „frei Schnauze“ schreiben – „Gerda versucht zu rauchen. Es sieht ziemlich uncool aus“ –, oder doch in einem konventionelleren Roman-Ton mit gestelztem Genitiv bleiben will. „Es tut ihr nicht so sehr des Hundes wegen leid, dass sie keine Lust hat, mit ihm rauszugehen“, heißt es beispielsweise an einer Stelle. Ein lockerer, mündlicher Ton würde dem Roman deutlich besser stehen.
Auch die Statements der Figuren über gesellschaftliche und politische Themen wie die Überzahl gentrifizierte Cafés in Großstädten, Veganismus, der für Männer zu wenig Fleisch enthält, oder dass Kinderkriegen entromantisiert werden sollte, sind zwar richtig und wichtig, wirken aber wie tausendmal gehört und leider nicht so satirisch scharf, wie man es von Irmschler eigentlich gewohnt ist.
Bitte mehr Mut zum Witz
Hier und da blitzt Irmschlers Humor, den man von ihrer Arbeit für das Satiremagazin Titanic und für ZDF Magazin Royale kennt, trotzdem durch. Besonders trockene Sätze wie „Mascha ist aber 33 und war schon mal verheiratet, vieles deutet darauf hin, dass sie eine erwachsene Frau ist“, machen Spaß beim Lesen. Diese vereinzelten witzigen Stellen sind gut, nur bleibt die Autorin leider nicht bei ihren Fähigkeiten, sondern hat sich offensichtlich vorgenommen, einen anderen Ton anzuschlagen. Schade! Auch wenn die Themen von Alles immer wegen damals nicht unbedingt zum Lachen einladen, findet man sich in absurd schlimmen Alltagsmomenten oft mit Humor zurecht. Wie zum Beispiel, wenn sich Karla selbst das von ihrer Freundin Natalie komponierte Lied laut vorsingt: „falsch, falsch, falsch, ich bin falsch und schief und krumm und außerdem verkehrt herum […] Dazu tänzelt sie albern, als wäre sie zu Selbstironie noch in der Lage.“ Mehr davon hätte dem Roman zwischen den Zwangsgedanken von Karla und den teilweise austauschbaren Gedankengängen beim Einkaufen von Gerda gutgetan.
Durch die abwechselnd aus der Sicht von Gerda und Karla geschilderten Kapitel ergibt sich dennoch ein schönes Mosaik aus den zwei Generationen des Mutter-Tochter-Konfliktes. Insgesamt ist der Roman ein flott lesbarer Spiegel der heutigen Zeit. Neben diesen Themen erwarten einen eine ganze Reihe ostdeutscher Begriffe wie „abkindern“ und „Knast haben“ sowie der kuriose Brauch der „Vogelhochzeit“, die man im Westen kaum kennt, und die den eigenen Wortschatz sehr bereichern. Allein für die oft übersehene Kultur des Ostens lohnt es sich, Alles immer wegen damals zu lesen und der verschrobenen Familie doch eine Chance zu geben.
von Luis Sommer